Rudi Napholtz

Die Vorgeschichte des Ussar Hauses




Das repräsentative Erscheinungsbild des Ussar-Hauses am Landshuter Isargestade erinnert an die glanzvollen Zeiten, als die Stadt die Blüte ihrer Schnupftabakproduktion erlebte. Damals war das Anwesen noch Sitz der bedeutenden „Brasiltabak-Fabrik Jos. Gremmer`s Ww.“. Das Unternehmen wuchs seit 1879 von einer kleinen Schleifmühle – aufgrund steter Anbaumaßnahmen und des Zukaufes des Gerl-Müller-Wohnhauses - zu einer der größten Tabakfabriken Bayerns und Deutschlands heran, bis das Anwesen im Jahr 1928 aufgrund der wirtschaftlichen Krise in das Eigentum der Bayerischen Staatsbank Landshut überging. Leider ist heute nur noch ein Teil dieses Komplexes erhalten, da die Schleifmühle („Schneidwaren Weiss“) im Jahr 2009 abgerissen werden musste.

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Stadtplan von 1793. Mittig des Planes ist das Streichwehr abgebildet (1810 durch das Maxwehr ersetzt). Oberhalb des Wehres ist der Bleichgraben zu sehen. Zwischen Wehr und Bleichgraben befindet sich die Schleifmühle. Rechts neben der Schleifmühle – zurückversetzt - ist das Wohnhaus der Regensburger Mühle zu sehen. (Plan: Stadtarchiv Landshut, Stadtplan (Ausschnitt) von Josef Lechner, 1793)
Die Ursprünge des Gremmer`schen Anwesens - die Schleifmühle und das Gerl-Müller-Wohnhaus:

Nach ihrer Gründung im Jahr 1204 erfuhr die Stadt Landshut ein reges Wachstum und mehrere Erweiterungen. 1341 wird urkundlich von einem besonders tiefen und breiten Schutzgraben im Osten der Stadt berichtet. Um diesen mit Wasser zu füllen, wurde an der Stelle des gegenwärtigen Maxwehres ein hufeisenförmiges Streichwehr[1] angelegt. Damit konnte das Wasser der Isar sowohl nach rechts in den Stadtgraben als auch nach links, mit Hilfe eines kleinen Kanals, dem sogenannten Bleichgraben[2], in die Kleine Isar geleitet werden. Dadurch wurde neues Gebiet erschlossen. Hier ließen sich vornehmlich Tuchmacher nieder, die in den Isarauen ihre Tuche bleichten. Darüber hinaus siedelten sich dort aufgrund der günstigen Bedingungen zur Energiegewinnung aus Wasserkraft bis ins 20. Jahrhundert hinein unterschiedliche Mühlen-Betriebe an.

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Stadtplan von 1810. Hier ist bereits das neue Maxwehr zu sehen. Die Schleifmühle und das zugehörige Hauptgebäude erscheinen jeweils mit der Haus-Nr. 745. Das Wohnhaus der Regensburger Mühle ist mit der Haus.-Nr. 748 gekennzeichnet. (Plan: Bayerische Vermessungsverwaltung, Uraufnahme, a. d. J. 1810)
Die Schleifmühle:

Bereits Ende des 15. Jahrhunderts existierte laut Steuerrechnungen eine direkt am Wehr gelegene Schleifmühle – der Grundstock der Gremmer`schen Tabakfabrik - mit dazugehörigem Hauptgebäude am inneren Isargestade (Haus-Nr. 745, 1953 abgebrochen). Über mehrere Jahrhunderte hinweg trieb das Wasser der Isar die Mühle für ein gutes Dutzend Schleifer an. Ab 1792 wurde der flussabwärts gelegene Gebäudeteil der Schleifmühle als Tabakmühle genutzt. Der damalige Tabakfabrikant Kommerzienrat Fleischmann verlegte seine Produktion von München nach Landshut, unter anderem um „einer Menge dürftiger Menschen (in Landshut) Brod und Unterhalt zu schaffen“[3]. Die Weiterverarbeitung fand in einem Fabrikgebäude an anderer Stelle statt. Bereits drei Jahre später wechselte die Tabakfabrik samt -mühle in den Besitz der Familie Fahrmbacher, die den Betrieb im Laufe der Zeit zu einem ansehnlichen Unternehmen ausbaute. Zwischen 1849 und 1879 folgten kurzfristige Besitzerwechsel. Dann übernahm die erfolgreiche Tabakfabrikantenwitwe Adelheid Gremmer 1879 zunächst den westlichen Gebäudeteil und vier Jahre später die komplette Schleifmühle. Der Ausbau zur „Brasiltabak-Fabrik Jos. Gremmer`s Ww.“ hatte nun begonnen.

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Die Ansicht von 1810 zeigt die direkt am Maxwehr gelegene Schleifmühle, rechts daneben im Hintergrund die Regensburger Mühle. Wiederum rechts davon ist das Wohnhaus der Regensburger Mühle erkennbar. Im Vordergrund befindet sich eine Scheune oder ein Stall. (Ansicht: Historischer Verein Niederbayern, 461, Radierung (Ausschnitt): Ferdinand Bollinger: „Ansicht des Neuen Wehr und Schleusen Baues in Landshut von Nord-Ost gegen Westen anzusehen", 1810)
Das Gerl-Müller-Wohnhaus:

Der prägende Hauptbau des Ussar-Anwesens mit seiner dekorativen Fassadengestaltung ging aus dem schlichten Wohnsitz der Müllerfamilie Gerl und deren Vorgängern hervor. Auch dieses Wohnhaus steht im engen Zusammenhang mit den oben genannten Mühlen im Bleichgraben. Bereits 1433 wird urkundlich erwähnt, dass der Rat der Stadt Landshut einem Hans Walchmeister die Erlaubnis zum Bau einer Mühle im Bleichgraben erteilte[4]. Weitere frühe Quellen berichten in diesem Zusammenhang von der oberen Zwicklmühle[5] sowie von der unteren Regensburger Mühle[6]. Zu letzterer gehörte auch das zuvor erwähnte Gerl-Müller-Wohnhaus. Es bildet, wie eingangs dargelegt, gewissermaßen das Gerüst des Ussar-Hauses. Mit der Einführung des Häuser- und Rustikalsteuerkatasters[7] der Stadt Landshut im Jahr 1808 wurde festgehalten, dass sich am Isargestade 748 das zur Regensburger Mühle gehörige gemauerte Wohnhaus befand. Spätere steuerliche Erfassungen beschreiben das Wohnhaus zunehmend detaillierter: Das unterkellerte Gebäude umfasste zunächst im Erdgeschoß eine Wohnstube, eine Mühlkammer, eine Küche, eine Speisekammer, eine Magdkammer und einen Viehstall. Im ersten Stock waren drei kleine Zimmer angeordnet, darüber der Dachboden. Neben dem Haus befand sich ein weiterer Stall. Zudem geben die Grundsteuerkataster eine Mühlerlaubnis mit vier Mahlgängen an. 1874 erhielt das Gebäude zur Aufstockung einen neuen Dachstuhl. Ein Jahr später folgte ein Kartoffel- und Rübengewölbe. 1894 wurde der Neubau eines Magazins mit Remise, Stallung und Futterboden ergänzt.[8] Am 15. Februar 1898 erwarb Josef Gremmer, Sohn der verstorbenen Adelheid Gremmer, das Gerl-Müller-Wohnhaus für die Summe von 30.000 Mark. Durch den Kauf des Gebäudes konnte Gremmer seine Brasiltabakfabrik immens erweitern. Dem wirtschaftlichen Aufschwung verlieh er mittels einer prächtigen Fassadengestaltung Ausdruck, die das vergangene Jahrhundert am Ufer der Isar mit Stolz und Würde überdauerte.

Text: Anja Botzet M. A.


[1] Ein Streichwehr bezeichnet ein in der Regel parallel bzw. schräg zur Fließrichtung eines Gewässers angelegtes Wehr, das dem Abflussvorgang dient. Das hier beschriebene Wehr wurde 1810 durch den Bau des Maxwehres ersetzt.

[2] Die Bezeichnung Bleichgraben ist auf die frühe Ansässigkeit der Tuchmacherzunft zurückzuführen. Später ist dieser Wasserlauf aufgrund der dort angesiedelten Mühlen auch als Thalmüller- und Gerlmühlbach bekannt.

[3] Chronik: Geschichte des Hauses Christoph-Dorner-Straße No. 748 und 747 ½ in Landshut. Bauschlosserei und Installationsgeschäft Ussar, Verfasser und Erscheinungsjahr unbekannt, S. 23.

[4] Intensive Recherchen haben gezeigt, dass eine exakte Zuordnung der historischen Zeugnisse zu den Mühlen und Personen aufgrund unpräziser Bezeichnungen als nicht möglich scheint. In der gängigen Literatur zu diesem Thema unterliegen diverse Quellenzuordnungen lediglich Vermutungen.

[5] Die Zwicklmühle wird in den Quellen auch als Danzermühle bezeichnet.

[6] In diversen Quellen erscheint die Regensburger Mühle aufgrund späterer Besitzerwechsel u. a. auch als Höllmühle, Thalermühle oder Gerlmühle.

[7] Im Jahr 1808 wurde in der städtischen Verfassung festgelegt, dass nach Hausnummern geführte Grundsteuerkataster die alten Stadtsteuerbücher ersetzen.

[8] Vgl. Chronik: Geschichte des Hauses Christoph-Dorner-Straße No. 748 und 747 ½ in Landshut, S. 12 ff.. Laut Herzog wurde das Wohnhaus zwischenzeitlich im Jahr 1856/57 neu erbaut. Hierzu konnten bisher allerdings keine Anhaltspunkte gefunden werden; vgl. Herzog, Theo: Landshuter Häuserchronik, Neustadt an der Aisch 1957, S. 299.


Quellen:

Bleibrunner, Hans: Von 1790 bis 1990: Landshut: Aufbruch zur Gegenwart. Zwei Jahrhunderte Stadtgeschichte in Wort und Bild. Landshut 1991; Herzog, Theo: Landshuter Häuserchronik, Neustadt an der Aisch 1957; Staudenraus, Alois: Topographisch-Statistische Beschreibung der Stadt Landshut in Bayern und ihrer Umgebung., Unveränderter Nachdruck von 1835 in der Reihe „Landshuter Reprints“, Landshut 1989; Weber, Franz Paul/Marschall, Otto: Landshuter Stadtchronik, Bd. 1, 1834 – 1908, Landshut 1916; Chronik: Geschichte des Hauses Christoph-Dorner-Straße No. 748 und 747 ½ in Landshut. Bauschlosserei und Installationsgeschäft Ussar, Verfasser und Erscheinungsjahr unbekannt (ein Exemplar befindet sich im Besitz von Herrn Heribert Dettenkofer).

Stadtarchiv Landshut (Akt Nr. 13094/Bestand 2, Akt Nr. 13246/Bestand 2).

Bei den im Text erwähnten Urkunden und Steuerunterlagen greift die Autorin im Wesentlichen auf die Abschriften und Aussagen der o. g. Chronik zum Ussar-Haus zurück. Die Zuverlässigkeit und Korrektheit dieser Quellen wurden aufgrund von Stichproben der sich im Staats- sowie Stadtarchiv Landshut befindlichen Dokumente überprüft.

Wir haben uns bemüht, im Vorfeld sämtliche Rechteinhaber ausfindig zu machen. Sollte uns dies trotz aller Sorgfalt nicht gelungen sein, so bitten wir um Entschuldigung und eventuelle Rechteinhaber, die im Quellenverzeichnis nicht genannt sind, sich mit uns in Verbindung zu setzen.